Samstag, 21.7.2018

Bulgarien ist weit weg… und doch näher, als man denkt. Wir erleben Bulgarien als ein Land der krassen Gegensätze. Beim Empfang der Bürgermeisterin, auf dem nicht nur lokalpolitische Themen besprochen wurden, sondern auch die Einweihung einer restaurierten Kirche gefeiert wurde, gab es für alle, die Interesse an der Veranstaltung hatten, ein leckeres Buffet im Anschluss.

An diesem Abend wurde uns allerdings sehr deutlich, wie groß die gesellschaftlichen und sozialen Kluften in Bulgarien sind. Da stand die bulgarische „Oberschicht“, die mit ihren dazu passenden Luxuskarossen aus den benachbarten Gemeinden angereist gekommen war, direkt neben den verarmten Roma, für die dieser Abend eine gute Gelegenheit war, sich satt zu essen und die Reste noch in einer Plastiktüte mit nach Hause zu nehmen. Ähnliches erlebten wir gestern Abend bei einem großen Picknick für den ganzen Ort. Nachmittags hatten wir mit den Kindern T-Shirts bemalt und da wir mehr gekauft hatten, als letztlich benötigt wurden, haben wir die restlichen abends einfach mitgebracht. Im Handumdrehen waren alle weg, da die eine oder andere Mutter sich offensichtlich gefreut hat, ihre Familie mit kostenlosen T-Shirts eindecken zu können.

Bulgarien ist zwar Mitglied in der EU, aber zumindest hier auf dem Land könnte der Gedanke an die EU und ein Vergleich mit anderen Mitgliedsstaaten nicht absurder sein. Darüber können auch die EU-Flaggen, die hier gerne mal wehen, nicht hinwegtäuschen. Man kann es wirklich nicht vergleichen, aber Helsinki oder Madrid sind kilometermäßig weiter von Frankfurt entfernt als Tarnava – und doch ist man hier in einer anderen Welt. In Sofia und anderen Großstädten gibt es praktisch alles, was das Herz begehrt. Die ländliche Situation allerdings ist eine ganz andere. Dringend sanierungsbedürftige Häuser und marode Straßen prägen das Bild. Nicht selten gesellt sich auch ein Eselskarren dazu. Und wenn man beim Besuch der Stadthalle mal das Bedürfnis verspürt, auf die Toilette zu gehen, sollte besser noch jemand mitkommen, der „Wache“ hält, während man sich beim Besuch des türlosen Plumpsklos um die Ecke fest vornimmt, beim nächsten Mal alles zusammenzukneifen…

Auch in der Schule erleben wir die massiven Unterschiede zu Deutschland: Lehrer, die an Atemwegsproblemen leiden, weil sie täglich den ungesunden Kreidestaub einatmen; Schränke, die bei uns auf den Sperrmüll kämen; ein Schulgelände mit Stolperfallen, die bei uns zu Recht eine Revolte in der Elternschaft auslösen würden. Und trotz allem erleben wir eine große Herzlichkeit und werden immer wieder auch von Großzügigkeit und Gastfreundschaft überrascht. Da sitzen wir mittags während der Pause in der Schule, packen Brot, Frischkäse, Tomaten und Kekse aus und plötzlich geht die Tür auf und eine Lehrerin sowie die Hausmeisterin rauschen herein. Ehe wir bis drei zählen können, liegen auf unserem Tisch frische Gurken, Paprika und Tomaten aus dem eigenen Garten, ein großes selbstgebackenes Brot, ein Riesenstück Schafskäse und zum Nachtisch auch noch Muffins. Wir haben gerade noch Zeit, ein Photo von ihnen zu machen, da sind sie auch schon wieder hinausgerauscht. Unsere Einladung zum Mitessen wird freundlich abgelehnt und wir haben zum wiederholten Male den Eindruck, dass die Bulgaren der Meinung sind, wir „Germanskis“ würden einfach zu wenig essen…